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CHRISTIAN MUTHSPIEL



"Dirigent ohne Frack"

Als Posaunist, Pianist, Komponist und Dirigent ist Christian Muthspiel sowohl im Jazz, als auch im Kontext der komponierten und Neuen Musik international tätig. Einladungen zu Konzerten, Produktionen und Dirigaten , sowie Kompositionsaufträge namhafter Orchester, Ensembles und Solisten geben Zeugnis von seiner innovativen Arbeit, über stilistische Grenzen hinweg. Ein Hauptanliegen Christian Muthspiels ist die Verbindung von improvisierter mit komponierter Musik und damit die Zusammenführung der Kraft des Moments mit den formalen Möglichkeiten von Vorgefertigtem.
Christian Muthspiel bewegt sich damit in einem Spannungsfeld zwischen Symphonieorchester, Jazzensemble und Elektronik und multimedialen Musiktheater. Dabei kooperiert er mit verschiedensten Klangkörpern und Künstlern als Interpret seiner musikalischen Erfindungen.
Seit 2004 dirigiert, konzipiert und moderiert Muthspiel einen eigenen Konzertzyklus mit der Camerata Salzburg. Er präsentiert dabei stringent programmierte, oftmals Genre überschreitende Konzerte u.a. im Musikverein Wien und Brucknerhaus Linz. Sein aktuelles Projekt, der vierteilige Zyklus „Mozart Loops“, wird 2006 in Salzburg, Wien und in der Philharmonie Essen, mit dem Münchener Kammerorchester aufgeführt.

Wie er es schafft, neben all diesen Aktivitäten auch noch 14 Tage auf Skiurlaub in die Schweiz zu reisen, verriet er uns in einem im Dezember geführten Interview.





DAS INTERVIEW

Dein Name ist Muth-spiel, doch ich frage mich ob es die Studenten nicht ent-mutigt, wenn Du auf Deiner Homepage sagst, dass Du alle Studien rechtzeitig und freiwillig abgebrochen hast. Soll das heißen, dass Du als Autodidakt zu einem der führenden Komponisten und Musiker geworden bist?

Nein, das ist so zu verstehen, dass ich alle Studien, immer nur so lange betrieben habe, wie sie mich wirklich interessierten. Bei meinem klassischen Posaunenstudium erschien mir die Vorstellung, nach der Übertrittsprüfung noch zwei, drei Jahre beim selben Lehrer zu bleiben nicht so erbauend.– Dasselbe ist dann beim Jazzstudium passiert. Ich habe im Jahr 1987 ein Stipendium für die „School of fine Arts“ in Banff/Kanada bekommen. Das hat mir die Entscheidung von der Grazer Schule wegzugehen sehr erleichtert. Nur um einen Abschluss in der Tasche zu haben, wollte ich nicht irgendwo bleiben, wo ich das Gefühl hatte, nicht mehr weiter zu kommen.

Für mich gibt es tausend verschiedene Arten mit improvisierter Musik umzugehen. Bei einem einzigen Lehrer erfahre ich jeweils nur einen Ausschnitt aus seiner Welt. Mir scheint es sehr wichtig, andere Anschauungen und auch widersprüchliche Aussagen und Methoden kennen zu lernen. Das heißt nicht, dass ich prinzipiell dagegen bin, dass man Studien beendet. Jeder sollte individuell seinen Weg gehen und kritisch prüfen ob er seinem Ziel näher kommt. Es gibt viele Wege dieses zu erreichen, das war meiner.

Wie müsste eine Hochschule ausschauen, die Du nicht verlassen würdest?

Auch die beste Hochschule sollte man verlassen. Die schlimmsten „Karrieren“ sind für mich solche, die direkt nach dem Studium im gleichen Haus bleiben, dort zu unterrichten beginnen und dazwischen nichts anderes gesehen haben. An einer Schule wie ich sie mir vorstelle sollte das Lehrpersonal viel stärker rotieren, weil ich nicht glaube, dass es Lehrer gibt, die über sechs Jahre lang ihren Studenten etwas Relevantes erzählen können.
Es wäre eine Schule, die weniger auf den Regelbetrieb ausgelegt ist. Verschiedenste Dozenten sollten Ausschnitte aus ihrer Arbeit präsentieren, gemeinsam mit Ihren Schülern an Projekten arbeiten und sie dann wieder verlassen bzw. anderen Dozenten Platz machen. Ein solcher Unterricht wäre inspirierender und würde mehr in die Tiefe gehen.

Anhand der Zusammenarbeit mit Deinem Bruder Wolfgang Muthspiel und dem Projekt EARly Music lässt sich schließen, dass Musik in Deiner Familie immer einen wichtigen Platz eingenommen hat. Kannst Du uns dazu etwas erzählen?

„EARly Music“ war ein Projekt, das Wolfgang und ich 2003 zu unserem 20-jährigen Duo-Bühnenjubiläum gemacht haben und ist eine Hommage an unsere musikalische Kindheit, aus der später übrigens auch ein Film gemacht wurde. Bei uns zuhause war die musikalische Umgebung ständig vorhanden und damit der Grundstein für eine intensive Beschäftigung mit der Musik . Von Seiten des Elternhauses gab es jede erdenkliche Förderung für alles was mit Musik zu tun gehabt hat und es ist sicher kein Zufall, dass alle drei Brüder später Berufsmusiker geworden sind.

Du bist bekannt als Instrumentalist, Komponist und Dirigent. In welcher Reihenfolge hat sich das entwickelt und wie kam es von einem zum anderen?

Die musikalische Erziehung zu Hause hat wie gesagt, viel zu tun gehabt, mit klassischer Musik und Volksmusik – und damit meine ich nicht volkstümliche Musik sondern wirkliche Volksmusik - von der ich mich später wieder radikal abwandte. Ich begann mich im Folgenden mehr mit Jazz und improvisierter Musik zu beschäftigen. Dabei stand über viele Jahre die Posaune, das Aufbauen eigener Ensembles, das Schreiben für die eigenen Formationen und vor allem die Arbeit im Duo mit meinem Bruder im Vordergrund.

Über kleinere Kompositionsaufträge , verschieden Angebote auch mal ein Ensemble mit eigenen Kompositionen zu leiten und das verstärkte Komponieren für klassische Ensembles und Orchester, bin ich dann, fast zufällig zum Dirigieren gekommen. Dies geschah zum Teil über das Zusammenstellen und Entwickeln von speziellen Konzertprogrammen, bei denen ich die Chance hatte, Stücke dafür erst in Auftrag zu geben. Das Interesse ist dann stärker geworden und ich begann relativ bald mit guten Orchestern zu arbeiten z.B. die letzten zwei Jahre mit der Camerata Salzburg jetzt im kommenden Jahr mit dem Münchner Kammerorchester.

Das Dirigieren, die Arbeit als Posaunist und Pianist und das Komponieren sind jetzt fast gleichwertige Drittel bei dem was ich mache und befruchten sich gegenseitig.
Dabei ist für mich die zeitliche Einteilung in Blöcke wichtig, die sich immer wieder auf einen dieser drei Teile konzentrieren. Ich habe gemerkt, dass hier verschiedene Energien fließen und es fällt mir nicht immer leicht schnell von einem zum anderen hin und her zu wechseln.

Auf Deiner Homepage steht zu lesen, dass „die Verbindung von improvisierter mit komponierter Musik“ eines Deiner Hauptanliegen ist. Wie also bringt man die Camerata zum Improvisieren? Wie Jazzmusiker zum Notenlesen?

Ich habe nie versucht, die Camerata zum Improvisieren zu bringen. Ich habe vielmehr Programme zusammengestellt, bei denen improvisierende Solisten auf das Orchester gestoßen sind und Stücke gespielt wurden, die sozusagen im Geiste des Improvisierens komponiert wurden. Man muss da sehr, sehr vorsichtig sein, um nicht in die „Crossover-Falle“ zu tappen. Es gibt sehr viele Versuche, die schief gegangen sind. Wenn man versucht, zu radikal und zu wenig überlegt, verschiedene Genres zusammen zu bringen, beraubt man diese oft ihrer wichtigsten Bestandteile und Tugenden.

Mein Anliegen ist es zu zeigen, dass der Geist mit dem improvisiert wird , derselbe Geist ist mit dem komponiert wird. Es handelt sich dabei nur um verschiedene Methoden des Zugangs zu ein und derselben Quelle.

Gibt es dafür ein aktuelles Beispiel von Dir ?

Ein gutes Beispiel dafür, ist der vierteilige Zyklus „Mozart Loops“, den ich im kommenden Jahr mit dem Münchener Kammerorchester in der Essener Philharmonie aufführen werde. Ich stelle dabei Kompositionen aus dem 20. Jahrhundert, Pop- und Jazzsongs gegenüber, die sich mit Themen befassen, mit denen sich auch Mozart sehr intensiv auseinander gesetzt hat. Loops aus dem Mozartwerk verbinden diese Teile. Dabei wird das Münchener Kammerorchester keine Jazzstücke spielen und die Jazzmusiker keinen Lutoslawski. Das Publikum und die Musiker werden trotzdem zu spüren beginnen, welcher Geist dahinter steht.

Ich versuche diese Dinge zusammen zu führen, aber eben nicht in diese Falle zu tappen, dass man sagt: „Jetzt sind wir modern weil wir Jazz und Klassik zusammenbringen“. Auf diesem Gebiet, habe ich in den letzten Jahren sehr viele Unfälle erlebt. Inzwischen bin ich bei solchen Arbeiten sehr genau geworden und weiß was miteinander funktioniert und was nicht.



Was war die spezielle Idee der Konzertreihe mit der Camerata?

Die Idee dahinter war es, in ganz speziell zusammengestellten Programmen, ein Bild der Musik des 20. Jahrhunderts zu zeichnen. Das ganze mit einem auf höchstem Niveau durch die Wiener Klassik geprägten Orchester, das nicht für solche Interpretationen bekannt ist.

Wenige Menschen würden ohne weiteres ein solches Konzert besuchen. Eine gelungene Programmierung und eine erklärende Moderation, können helfen die Ohren und Seelen mancher Konzertbesucher für diese Art Musik zu öffnen.
Einer der ganz großen Schwachstellen des Klassikbetriebs sind,zu 90% völlig unüberlegten Konzertprogramme. Zwei oder drei Stücke die nichts miteinander zu tun haben werden hintereinander gespielt. Nicht einmal das „Nichts miteinander zu tun haben“ wird dabei als programmatische Möglichkeit verwendet. Diesen Fehler zu vermeiden ist ein Hauptanliegen von mir und war mir das Allerwichtigste in dieser Camerata Serie.
Ich will versuchen dies noch einmal mit einem anderen Beispiel zu verdeutlichen. Nehmen wir einmal an, sie besuchen eine Ausstellung und betrachten eine Skulptur. Diese Skulptur wird plötzlich in ein anderes Licht getaucht. Es ist immer noch dieselbe Skulptur , aber sie wirkt anders in diesem neuen Licht. Jedes Musikstück kann, in einem anderen Licht betrachtet, eine neue Wirkung erzeugen und dieses Licht kann man bewusst steuern.
Hast Du eigentlich einen Frack?

Nein ! Ich habe bis jetzt auch wenn das Orchester mit Frack gespielt hat immer ohne Frack dirigiert und ich glaube, diese Freiheit werde ich mir weiter erlauben. Außerdem glaube ich, dass der Frack entwickelt wurde um die Bäuche der Dirigenten zu verstecken und ich habe keinen Bauch.

Steht Kunst Deiner Meinung nach im Widerspruch zu Business?

Kunst und Geld müssen sich überhaupt nicht widersprechen. Kunst kann ohne Geld oft nicht stattfinden. Ich bin nicht der Auffassung, dass alles was irgendwie mit Geld verbunden ist, der Kunst schadet. Während der gesamten Musik- und Kunstgeschichte haben Künstler immer Geld gebraucht um ihre Kunst ausüben zu können. Jeder Künstler ist da sicherlich anders veranlagt. Viele wollen damit nichts zu tun haben, und das ist auch ihr gutes Recht.

Ich stelle mir immer zuerst vor, was ich inhaltlich machen möchte. Die nächste Frage ist dann, wie kann man so etwas verkaufen? Wer könnten die Partner dafür sein? Dann habe ich ein ruhiges Gewissen, weil die inhaltliche Frage die erste war
Der nächste Schritt gilt der Umsetzung – wie geht ein Projekt nach außen?

In meinen Augen wäre es falsch sich zuerst zu fragen, was lässt sich gut verkaufen, um dann die Kunst in diese Richtung zu drängen. Das würde das eigene Ausdrucksbedürfnis auf eine ziemlich brutale Art und Weise verändern.
Sich dagegen zu überlegen, wie die eigenen künstlerischen Visionen auch realistisch umgesetzt werden könne, gehört auch zum Berufsbild eines Künstlers, der für sich den Anspruch erhebt, von seiner Kunst leben zu können.

Was sind Deine nächsten geplanten Projekte?

Also das wichtigste Projekt gleich nach dem Posaunenkonzert, zwei Wochen Skiurlaub in der Schweiz – ganz unkünstlerisch.

Dann habe ich es mir nicht ganz leicht gemacht als Solist. Ich habe mir in meinem eigenen Posaunenkonzert eine Stimme geschrieben, die mir nicht von vornherein liegt. Ich muss in nächster Zeit mein eigenes Stück ziemlich üben, bevor es in Linz und im Musikverein Wien aufgeführt wird. Danach beginnt die Serie mit dem Münchner Kammerorchester in der Essener Philharmonie.

Es gibt einen neuen Kompositionsauftrag vom Wiener Mozartjahr, ein Projekt mit Hermann Beil, dem ehemaligen Burgtheaterdramaturgen und mit dem Schauspieler Manfred Karge für Berlin 2007.

Dazwischen noch so einzelne kleinere Sachen mit eigenen Ensembles. Ja und die „Mozart Loops“ kommen nicht nur in Essen, sondern auch in Salzburg mit der Camerata, also das Jahr 2006 ist ganz schön gut angefüllt.



Wie weit bist Du eigentlich mit Deinem Posaunenkonzert?

Ich brauche nur rüberschauen auf meinen Kompositionstisch – ich bin auf Partitur Seite 96. Das Stück wird ungefähr 24 Minuten dauern und mir fehlen noch drei Minuten. Macht schnell eine Abstimmung! Soll ich ein C oder Cis hinschreiben? –ist Besser eine kleine None oder eine große Septim? - Kleine Nonen sind ein bisschen scharf, oder ? Ich werde in Cis hinschreiben, ihr seid schuld!













Dirigent ohne Frack